Die Unschuld – L’innocente

Viscontis letzter Film offenbart ein Zweifel am Atheismus.

Originaltitel: L’innocente
Produktionsland: Italien
Veröffentlichungsjahr: 1976
Regie: Luchino Visconti
Drehbuch: Suso Cecchi D’Amico, Luchino Visconti
Produktion: Giovanni Bertolucci (Rusconi Film)
Kamera: Pasqualino De Santis
Montage: Ruggero Mastroianni
Musik: Franco Mannino
Darsteller: Giancarlo Giannini, Laura Antonelli, Jennifer O’Neill, Marc Porel, Rina Morelli, Massimo Girotti, Didier Haudepin, Marie Dubois, Roberta Paladini, Claude Mann
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 125 Minuten

Der römische Graf Tullio Hermil richtet sich sein Leben bedingungslos nach seinen eigenen Motiven aus. Er ignoriert die Liebe seiner Ehefrau, der schönen Giuliana, und ist der Liebhaber der Gräfin Raffo, wobei er sich keine Mühe gibt, diese Liaison vor seiner Frau oder der Gesellschaft zu verstecken. Giuliana, die vergeblich versuchte, ihren Ehemann zurückzugewinnen, lernt ihrerseits den jungen Schriftsteller Filippo D’Arborio kennen und lieben. Und diese Liebe verändert sie, macht sie stärker und selbstbewusster. Schließlich endet die Affäre von Graf Hermil mit Gräfin Raffo und er findet in ehrlicher Zuneigung zurück zu seiner Frau. Diese erwartet jedoch ein Kind von ihrem ehemaligen Liebhaber D’Arborio (…).
Quelle: Wikipedia.de

Kritik:

Meine Italienischkenntnisse beruhen auf Google.Übersetzer-Erfahrungen, wenn man diesen aber vertraut, dann bedeutet „L’innocente“, der Originaltitel von „Die Unschuld“, sowohl „Die Unschuldigen“, „Der Unschuldige“ als auch „Die Unschuldige“, aber nicht „Die Unschuld“, das wäre „L’innocenza“. Trotzdem kann man diesen deutschen Titel sicher verzeihen, denn durch die fälschliche Generalisierung des Titels hin zur „Unschuld“, behält man die Möglichkeit, die die Mehrdeutigkeit von „L’innocente“ bietet, darüber zu rätseln, was oder wer im Film, denn diese Unschuld verkörpert. Viscontis letzter Film ist gleichzeitig sein sexuellster und kann als eine Mischung aus „Sehnsucht“ und „Ossessione“ beschrieben werden.

Atheismus als Faschismuswurzel

„Die Unschuld“ ist interessant, weil Visconti den Film als Ursachenforschung des Faschismusses verstand, dazu aber eine Figur in den Mittelpunkt der Kritik steht, mit deren Atheismus Visconti in „Der Fremde“ etwa noch sympathisierte. Anders als Haneke in „Das Weiße Band“ ist es hier keine streng ausgelegte Religion, die die Entstehung des Faschismus begünstigt, sondern ein Dekadentismus, der sich einer religiösen Weltansicht gänzlich versagt und das Leben als Chance einer beinah morallosen Auslebung eigener Interessen versteht. Viscontis Kritik erinnert fast an Kants moralischen Gottesbeweis, der zwar Gott ablehnt, das Glauben an eine richtende Instanz jedoch als Funktionskriterium einer menschlichen Moral voraussetzt. Visconti dürfte aber Sozialist genug sein, um zu wissen, dass sich die Amoralität durch fehlende Religiösität nicht auf den Atheismus generell beziehen lässt, sondern bloß charakteristisch für die porträtierte Zeit und Gesellschaft war. Aber wer weiß. Vielleicht hatte Visconti, seinen nahen Tod vor Augen (er erlebte die Premiere des Films nicht mehr), auch etwas Ehrfurcht vor dem Tod, als dass er noch einen religionskritischen Kampfschrei als letzten Film wagen wollte.

Ein „Miniatur-Ludwig“

Der Protagonist Tullio ist ein Lebemann, der sich zu seiner Frau Giuliana zwar hingezogen fühlt, aber dennoch die erotische Erfüllung eher in der zynischen Teresa erfährt. Er hat mit ihr ein Verhältnis, macht aber vor seiner Frau keinen Hehl daraus. Er lebt aus kühlem Selbstverständnis nach seinen Genüssen und ist daher durchaus als Miniatur-Ludwig zu lesen, den Visconti ja ebenfalls als Teil des Wegs in den Faschismus inszenierte.

Ein Film über die Unschuld, weil diese die sexuellen Reize setzt (Tullio will seine Frau als unschuldige und treue Frau neben seiner Geliebten Teresa haben, als er aber davon erfährt, dass Giuliana ebenfalls fremdgeht, stellt es für ihn einen weiteren sexuellen Reiz dar, die Macht über seine Frau wiederzugewinnen), andererseits natürlich das Kind, das Guiliana von ihrer Affäre bekommt als unschuldiges Opfer der Willkür Tullios, die ein direkten Fingerzeig auf den Faschismus darstellt, der ohne Paranoia vor transzendentalen Spätfolgen des Wirkens auf Erden, seine Welt gewissenlos formte, mit welchen Mitteln auch immer.

Ein selbstzufriedenes Résumé

Rein handwerklich ist „Die Unschuld“ ein klassischer Visconti wie man ihn kennt. Geduldig schreiten seine Figuren durchs Zimmer, leiden und lieben, werfen sich dramatische Brocken an den Kopf. Theatralisch natürlich, aber eben auch mit denselben Stärken ausgerüstet wie ein Theaterstück. Als Abschluss des Visconti-Werkes legt der italienische Meister-Regisseur nochmal einen allzu klassischen Historien-Kostüm-Film ab, in dem ein bisschen Mut zu Neuem vielleicht nicht verkehrt gewesen wäre. So endet der Film als selbstzufriedenes Résumé auf sein eigenes Werk, ein subtextueller Spielplatz wie immer, aber an der Oberfläche ein nochmal durchvariierter Zusammenschluss altbekannter Themen und Motive.

6/10

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