Il Bidone

Jeder muss sehen, wo er bleibt: Nachkriegskino à la Fellini.

Originaltitel: Il Bidone
Alternativtitel: Fellinis Gauner, Die Schwindler
Produktionsland: Italien, Frankreich
Veröffentlichungsjahr: 1955
Regie: Federico Fellini
Drehbuch: Federico Fellini
Produktion: Silvio Clementelli, Charles Delac, Mario Derecchi, Goffredo Lombardo
Kamera: Otello Martelli
Montage: Mario Serandrei, Giuseppe Vari
Musik: Nino Rota
Darsteller: Broderick Crawford, Giulietta Masina, Richard Basehart, Franco Fabrizi, Sue Ellen Blake, Irene Cefaro
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 101 Minuten

Der alternde Gauner Augusto hält sich und seine Komplizen Carlo und Roberto mit Betrügereien über Wasser. Während der sensible Carlo von Gewissensbissen geplagt wird, scheint Augusto überhaupt keine Skrupel zu kennen. Erst als er vor den Augen seiner 18-jährigen Tochter verhaftet wird, spürt er erstmals die Folgen seines Handelns. Aus dem Gefängnis entlassen, will er die alte Tour mit neuen Partnern fortsetzen, doch sein erstes Opfer ist ausgerechnet ein gelähmtes Mädchen. Augusto bringt es nicht übers Herz, sie zu betrügen. Seine Komplizen haben für diese Mildtätigkeit jedoch kein Verständnis. Augustos erste gute Tat wird ihm zum Verhängnis.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

„Il Bidone“ ist abgesehen vom Einsatz ausgewählter ausländischer Schauspieler und fehlendem improvisiertem Schauspiel im Grunde ein klassischer Vertreter des Italienischen Neorealismus. Wir haben eine wunderbar moralische Geschichte, die im einfachen Volk angesiedelt ist. Fellinis Frühwerkfilm erzählt die Geschichte einer Gruppe von Betrügern, die das Nachkriegsitalien und ihre Bewohner heimsucht, um deren naive Hoffnungen auf bessere Zeiten in bare Münze zu verwandeln. Fokussiert werden drei Ganoven, die mit ausführlichen Hintergrundgeschichten charakterisiert werden und nicht selten an Remarques „Drei Kameraden“ erinnern.

Fair verteilte Menschlichkeit

Augusto ist der dienstälteste und erfahrenste Gauner, er hat eine Tochter im Teenageralter. Picasso hat ebenfalls eine Tochter, er ist ein gewissenhafter Kleinkrimineller mit Familie, die keine Ahnung von seinen Aktivitäten hat. Roberto ist ein vorlauter Frechdachs mit großen Träumen. Wie der malerisch begabte Picasso ist Roberto begnadeter Sänger und träumt von einer Gesangskarriere. Fellinis Figuren sind äußerst liebevoll und detailliert gezeichnet und poträtieren ebenso wie ihre Opfer die Hoffnung auf Reichtum, Rum und Ehre, womit Fellinis Film jeder seiner Figuren dieselbe Menschlichkeit zuspielt und in neorealistischer Tradition bleibt.

Spiel mit Zuschauererwartungen

Wikipedia spuckt zu „Il Bidone“ eine interessante Anekdote aus, der nach der Film zur rechtzeitigen Einreichung für das Filmfestival in Venedig noch von zwei Cuttern gleichzeitig geschnitten werden musste und im Wettbewerb schließlich von Publikum und Kritik gescholten wurde. Unverständlich, da Fellinis Film ein Kleinod durch und durch ist. Die Figuren wissen sich ins Herz des Zuschauers zu spielen, das Skript überzeugt mit feinen Wortwechseln und auch rein handwerklich muss sich der Streifen keinerlei Vorwüfe gefallen lassen. Wer auch nur annähernd ein Auge für neorealistische Filme hat, wird sich bei „Il Bidone“ keine Sekunde langweilen: Die Gaunereien des Trio Infernales werden lockerleicht und temporeich vorgetragen und finden immer wieder neue Ideen. Besonders fantastisch sind die Spielereien mit den Zuschauererwartungen. Oft ist einem nicht klar, ob die drei Ganoven tatsächlich ein falsches Spiel spielen oder nicht, so etwa in der grandiosen Silvesterszene oder dem Ende des Films, das den moralischen Gedanken den Films besonders Nachdruck verleiht.

Verständnis, aber keine Legitimation für moralische Abwege

„Il Bidone“ zeigt Verständnis für moralische Abwege in Italiens Nachkriegszeit nach dem Motto: Jeder muss sehen wo er bleibt. Zumal die Ganoven ihren Opfern stets zwar ein faules Geschäft vorschlagen, es aber immer noch ein Geschäft bleibt, das erst mit Annahme in Kraft tritt. Eine moralische Legitimation ist dies aber nicht, durch Gewissenskonflikte mit Familie und dem Bewusstmachen, dass das Kleinganoventum seine Grenzen vom organisierten Mafiaverbrechen aufgezeigt bekommt, redet Fellini seinen Figuren ein, dass die schiefe Bahn gefälligst an der nächsten Ausfahrt verlassen werden solle, wer drin bleibt, wird dafür bezahlen.

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