Corn Island

Eine Schlamminsel im Fluss: Entstehung und Niedergang menschlicher Kultur.

Originaltitel: სიმინდის კუნძული (Simindis kundzuli)
Alternativtitel: Die Maisinsel
Produktionsland: Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan
Veröffentlichungsjahr: 2014
Regie: Georgi Ovashvilli
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, Giorgi Ovashvili, Nugzar Shataidze
Produktion: Guillaume de Seille, Nino Devdariani, Eike Goreczka, Christoph Kukula, Giorgi Ovashvili
Kamera: Elemér Ragályi
Montage: Sun-min Kim
Musik: Iosif Bardanashvili
Darsteller: İlyas Salman, Mariam Buturishvili, Tamer Levent
Altersfreigabe: FSK 0
Laufzeit: 100 Minuten

Die Maisinsel ist ein Phänomen, das nur durch die besondere Lage des Flusses Enguri zustande kommt: Wenn die Schneeschmelze im Frühjahr einsetzt, wird aus den Bergen des Kaukasus fruchtbarer Boden ins Tal geschwemmt, der sich mitten im Flussbett ablagert und kleine Inseln bildet. Der 70-jährige Bauer Abga (Ilyas Salman) weiß um diese Besonderheit und beschießt, zusammen mit seiner 16-jährigen Enkelin Asida (Mariam Buturishvili) den nahrhaften Boden zu kultivieren und dort Mais anzubauen. Damit hoffen sie, der Armut zu entfliehen. Doch der Anbau ist mit großen Risiken verbunden, da der Fluss Enguri die Grenze zwischen Georgien und Abchasien markiert. Zwar herrscht ein Waffenstillstand zwischen den verfeindeten Ländern, doch die Lage ist weiterhin angespannt. Trotzdem bauen der Großvater und das Mädchen eine Holzhütte und beginnen in einträchtiger Arbeit ihr Werk. Erst als Asida eines Tages einen verletzten Soldaten in den Feldern entdeckt, verändert sich die Situation.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

„Die Maisinsel“ ist einer dieser Filme, der durch Minimalisierung der filmischen Mitteln, vor allem auf Handlungsebene, die Lesarten seiner Bilder maximiert, sie gewollt größeren Dimensionen zuwendet. Man muss in der richtigen Stimmung für diesen kontemplativen Film sein, denn es wird kaum geredet und der Handlungsort bleibt über 100 Minuten dieselbe kleine Schlamminsel im georgischen Fluss Enguri. Es ist ein Film, der mit seiner ruhigen Kamera-Arbeit und dem Sinn für die Schönheit der Natur stark an das gegenwärtige türkische Autorenkino, vor allem an Semih Kaplanoğlu erinnert. Das Großartige an dem Film ist seine Eignung für die Reflexion großer Zusammenhänge, für die er eine einzigartige, hoch-ästhetische Metapher findet: eben diese Maisinsel.

Entstehung und Niedergang von Kultur

Das Besondere an der Insel in Ovashvillis Film ist, dass sie temporär ist. Aus dem dramatischen Verlauf des Films, dass diese Insel besiedelt, mit Mais bebaut und schließlich wieder vom Fluss erbarmungslos verschluckt wird, macht auch der Film keinen Hehl und weist bereits im Vorspann darauf hin. Die Maisinsel lässt sich also also Figuration der Unbeständigkeit von allem und jedem lesen. Die Zeit verschlingt früher oder später alles, nichts ist für die Ewigkeit. Und ebenso wenig ist es der Mensch und seine Kultur. Als Entstehungsgeschichte menschlicher Kultur könnte man diesen Film betrachten und er ist in dieser Hinsicht nicht unähnlich des „Turiner Pferds“ von Béla Tarr, dem man ebenso auslegen könnte. In beiden Filmen gibt es einen Mann und eine Frau, die in einem familiären Verhältnis stehen. Wo in „Das Turiner Pferd“ Vater und Tochter an einem Tisch sitzen, sind es in „Die Maisinsel“ ein abchasischer Großvater und seine Enkelin, aber die Dynamik bleibt dieselbe: Eine passiv sexuelle, in dem Sinne, das Sexualität und ihr moralischer Wert schon eine Rolle für den Mann spielt, über den er auch verfügen möchte. Wir sehen das in „Die Maisinsel“ stärker akzentuiert als in Tarrs Film. Bei Ovashvilli werben ein paar postpubertäre Soldaten um die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens und der Großvater bedroht sie mit Waffengewalt. Und wenn man auch diese ersten Annäherungen an die Enkelin noch verurteilen muss, da sie obszön und unhöflich sind, so bleibt doch auch der sexuelle Protektionismus des Babus (Großvaters) bestehen, als sich das junge Mädchen einem verletzten Soldaten annähert, welcher doch im Grunde ein zuvorkommender und dankbarer junger Mann ist.

Universelle Beobachtungen

Aber das ist schon ein Schritt zu weit. Denn mit dem Verhältnis der beiden Siedler, Enkelin und Großvater, zu anderen Menschen und Menschengruppen (in diesem Fall Soldaten einer anderen, nämlich georgischen Zugehörigkeit) betrachten wir schon so etwas soziokulturelle Werte und ihre Entstehung. Dabei schaut der Film ca. 30 Minuten lang nur dem alten Mann und seiner Enkelin dabei zu, wie eine Holzhütte auf einer Insel gebaut wird. Diese Geduld ist beeindruckend und würde der Film die mediative Schnitt-Langsamkeit eines seiner türkischen Vorbilder erreichen, würde dieser Film wohl gut und gerne vier Stunden dauern. Die Hütte und der später angepflanzte Mais symbolisieren die menschliche Kultur an sich und zwar in ihrer totalen Elementarität. Dieser Film philosophiert keineswegs über georgische, abchasische oder kaukasische Kultur, sondern über die Basis einer jeden Kultur: Das Jagen und Sammeln (Fischerei und Hüttenbau), sowie anschließend die Errungenschaft der Landwirtschaft (Maisanbau) und damit auch einer Sesshaftigkeit, auch wenn unklar ist, ob dem Großvater die Unmöglichkeit der Sesshaftigkeit auf dieser Maisinsel bewusst ist oder nicht.

Absage an Polit-Statements, Menschsein im Fokus

Dann gibt es natürlich noch eine politische Dimension dieses Films, die aber eher zu vernachlässigen ist. Dieser Film spielt zwar in dem georgisch okkupierten Abchasien der 90er Jahre, also in einer Zeit des Krieges mit der Sowjetunion, und auch heute ist Nord-Georgien ja noch brisantes politisches Thema, aber dieser Film hält sich hier mit Statements komplett zurück und beobachtet den Menschen beim Menschsein. Über kulturelle Unterschiede zwischen Georgiern und Abchasieren erfahren wir nichts, höchstens dass es kulturelle Unterschiede, beispielsweise sprachliche Unterschiede per se gibt. Und das ist ja auch eine Beobachtung, die vor tausenden von Jahren schon zutraf und keine real-politische Valenz in diesem Sinne aufweist.
Aber alles Interpretationsgewäsch beiseite lassend, ist dieser Ovashvilli-Film einfach ein zutiefst beeindruckendes Experiment. Ein Film, der seine eigene Kulisse innerhalb filmischer Erzählung aufbaut und sie später (trotz irritierend misslungenem Sound-Design) beeindruckend wieder dem Erdboden bzw. Fluss-Spiegel gleichmacht. Zwischen Entstehung und Niedergang der Insel steht nicht nur eine Menge Reflexionspotenzial, sondern auch pure, kinematografische Schönheit.

78%

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