Die Erde bebt

Drei satte Stunden Arbeitersolidaritätskino.

Originaltitel: La terra trema
Produktionsland: Italien
Veröffentlichungsjahr: 1948
Regie: Luchino Visconti
Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Luchino Visconti
Produktion: Salvo d’Angelo, Renato Silvestri
Kamera: Aldo Graziati
Montage: Mario Serandrei
Musik: Willy Ferrero
Darsteller: Antonio Arcidiacono, Giuseppe Arcidiacono, Nelluccia Giammona, Agnese Giammona, Maria Micale, Sebastiano Valastro
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 153 / 165 Minuten

In dem kleinen sizilianischen Fischerdorf Aci Trezza lebt die Familie Valastro vom Fischfang. Nach dem Tod des Vaters übernehmen die Söhne die Fischerei, doch unzufrieden mit dem Preiskartell der Händler zettelt der älteste Sohn Ntoni eine kleine Revolte an: Er schleudert die “Judaswaage” eines Grossisten ins Meer, nimmt eine Hypothek bei der Bank auf und beschließt, sich mit einem größeren Boot selbständig zu machen. Anfangs hat er Erfolg, doch ein tragischer Unfall auf See macht alle Träume zunichte. Das Haus wird gepfändet, die Brüder müssen sich bei den verhaßten Händlern verdingen und der ganzen Familie droht Unheil.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Sechs Jahre nachdem Visconti mit „Ossessione“ den Film schuf, der von vielen als Gründungsstein des Neorealismo angesehen wird, wurde sein dritter Film „La Terra Trema“ ein neorealistischer Film im allerklassischsten Sinne und einer der vielleicht neorealistischsten aller neorealistischen Filme. Ein Film voller linker Gesinnung und Pathos der Arbeiterklasse, voller moralischer Überlegenheit des kleinen Volkes, eingefangen in Bildern, die an Originalschauplätzen mit Laiendarstellern gedreht wurden. Ein politisches Märchen, das leider zu Viscontis schwächeren Werken zu zählen ist.

Mit den Figuren in einem Boot

„La Terra Trema“ ist relativ untypisch für Luchino Visconti. Zum einen, weil sich ein Visconti gerne Wert auf einen professionellen, namhaften Cast legte, bis ins Theatralische schauspielen ließ und große bildgewaltige Epen erzeugte. Das kann man von diesem semi-dokumentarischen Film nicht behaupten. Der größte Unterschied ist aber auch zugleich die größte Schwäche des Films und liegt darin, dass Visconti das Publikum mit seinen Protagonisten in ein Boot holt und sie versucht für das Schicksal seiner Figuren zu sensibilisieren. In diesem frühen Visconti merkt man wie sehr seinem Film an Witz fehlt, wenn er keine verkommene Gesellschaft porträtiert, deren Charakterisierung gleich ihrem Abgesang ist.

Ein proletarisches Doku-Märchen

Eine moralische Geschichte, die deutlich und unverhohlen ins Politische geht, wird fast märchenhaft erzählt. Ein Sprecher kommentiert das Geschehen als eine Mischung aus auktorialen Erzähler und Dokumentarfilm-Off-Stimme. Das Ziel schien es gewesen zu sein, die moralisierende Wirkung eines Märchens mit realistischen Bildern zu einem Hybriden verschmelzen zu lassen, der den Leuten signalisiert, dass eine solche Geschichte auch in ihrer Realität stattfinden kann. Die viscontische Spielzeit von 153 Minuten (im Original sind es sogar 12 Minuten mehr) trägt hier jedoch kaum eine epische Geschichte, die diese rechtfertigt, sondern eine, die auch in der Hälfte der Zeit erzählt hätten werden können. Das macht den Film für Neorealismo-Fans authentisch, da das semi-dokumentarische Archiv-Material, das hier Verwendung findet, in hoher Auflage aneinander gekettet wird und kaum ein Detail ausgespart wird, der erzielten Wirkung kommt es jedoch nicht entgegen. Das Polit-Märchen als solches wirkt in dieser Überlänge ermüdend. Interessanterweise — und auch den Titel einigermaßen erklärend — war „La Terra Trema“ eigentlich ein Teil von drei Episoden, die alle den Klassenkampf in unterschiedlichen Teilen Siziliens darstellen sollte. Mit drei verschiedenen Episoden wäre der Film bei etwa gleichbleibender Spieldauer vermutlich weniger zäh in seiner Erzählweise und weniger aufdringlich in seiner Intention geworden.

Unsanfte Kapitalismus-Keule

Viscontis Schulterschluss mit dem Proletariat ist auf eine ehrliche Weise schön, aber auch mit einer recht plumpen Anti-Kapitalismus-Keule ausgestattet. Der Industrielle kommt hier wie so häufig mit teurem Schmuck und Lucky-Strike-Zigaretten, um die ehrlich arbeitenden Proletarier einzulullen. Gerne ist er dabei auch in Uniformen offizieller Ämter. Viscontis Kapitalist wird kaum charakterisiert (das behielt er sich für seine späteren Großwerke auf, in denen er es deutlich besser machte), er ist ein fast unsichtbarer Gegner, aus dessen Fängen sich der Arbeiter kaum befreien kann. So richtig freiwillig will man mit den armen Fischern aber nicht mitleiden, weil man sich mit pathetischen Wortwechseln und platter Symbolik schnell in diese Rolle gedrängt fühlt.
„La Terra Trema“ ist ein Anschauungsobjekt für den Neorealismus; für seine Machart wie für seine politische Schlagrichtung. Er ist daher auch vor allem denen zu empfehlen, die von den simplen Geschichten an der Seite des einfachen Volkes nicht genug bekommen können. Neorealismus-Fans bekommen hier knapp drei satte Stunden Arbeitersolidaritätskino. Viel mehr aber auch nicht.

5/10

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