Die besten Jahre

Italien-Allegorie und Soap-Opera.

Originaltitel: La meglio gioventù
Alternativtitel: The Best Of Youth
Produktionsland: Italien
Veröffentlichungsjahr: 2003
Regie: Marco Tullio Giordana
Drehbuch: Sandro Petraglia, Stefano Rulli
Produktion: Angelo Barbagallo, Donatella Botti
Kamera: Roberto Forza
Montage: Roberto Missiroli
Darsteller: Alessio Boni, Luigi Lo Cascio, Jasmine Trinca, Adriana Asti, Sonia Bergamasco, Fabrizio Gifuni, Maya Sansa, Camilla Filippi, Valentina Carnelutti, Andrea Tidona, Lidia Vitale, Claudio Cioè, Paolo Bonanni, Riccardo Scamarcio, Giovanni Scifoni
Altersfreigabe: FSK 12
Laufzeit: 366 Minuten

Anhand des Schicksal einer römischen Familie beleuchtet der Film die letzten 40 Jahre der italienischen Geschichte. Beginnend im Jahr 1966 umfasst “Die besten Jahre” die großen Themen der vergangenen vier Jahrzehnte: politisches wie die Studentenrevolte, die kommunistische Bewegung und das Abgleiten der Roten Brigaden in den Terror, der Kampf der Justiz gegen die Mafia, Korruption und Wirtschaftsliberalisierung, aber auch gesellschaftlich wichtige Ereignisse wie das Hochwasser in Florenz 1966, die Psychiatriereform und die mitreißenden Fußballspiele Italiens gegen Korea und Deutschland. Ursprünglich als Fernsehserie konzipiert, gelangte der Film schließlich aber in einer sechsstündigen Fassung in die internationalen Kinos. Beim Internationalen Filmfestival von Cannes 2003 wurde der Film mit dem ‘Prix Un Certain Regard’ ausgezeichnet. Bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises 2003 und des französischen Filmpreises César war Giordana als Bester Regisseur bzw. Bester Europäischer Film nominiert.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Das italienische Familien-Melodram-Epos „Die besten Jahre“ stellt mit seinen sechs Stunden Spielzeit und seiner Vielzahl komplex verarbeiteter Themen die Frage nach seiner Bewert- und Vergleichbarkeit gegenüber anderen Filmen, die eine solche quantitative Möglichkeit wie Marco Tullio Giordana mit dieser Produktion nicht hatten. Über sechs Stunden schlängelt sich die Narration über den Zeitraum von 1966 bis 2003, umfasst eine Vielzahl an Figuren, samt ihrer wenig vorhersehbaren Entwicklungen und trotzdem ist dieses Werk voller geradezu unverzeihlicher Unzulänglichkeiten. Nicht nur als Melodram eine Achterbahn der Gefühle, sondern vor allem als Film-Connaisseur sehr schwierig, die Momente des Zaubers und des Frusts, die der Film beiderlei in sich vereint, gegeneinander abzuwägen.

Erzählerische Routine

Im Fokus der Geschichte stehen zwei Brüder, Matteo und Nicola Carati. Es gibt zwar noch andere Geschwister, aber diese bekommen nicht dieselbe detaillierte Fokussiertheit zugesprochen. Man merkt dem Film schnell eine gewisse narrative Formelhaftigkeit an, die aber immerhin routiniert beherrscht wird und nichtsdestotrotz spannende Momente erzeugen kann. Der Film wandert in einem brav proportioniertem Tempo voran, jede Figur, jedes Detail, jedes Motiv, das eingeführt wird, hat eine Funktion für den Verlauf der Geschichte. Überraschend ist es für den Zuschauer daher nicht, wenn z.B. Matteo ein Mädchen, das er in einer längeren Szene in Palermo kennenlernt, später wieder begegnen wird. Die Drehbuchautoren Petraglia und Rulli verzichten völlig auf Spielereien wie falsche Fährten oder ungewöhnliche Zeitdimensionen. Auch Ellipsen (die bei so einer epischen Geschichte natürlich nicht zu vermeiden sind), werden so eingesetzt, dass nichts Wichtiges innerhalb des Nicht-Erzähltem passiert. Der erzählerische Modus ist konsequent ökonomisch und stellt den Zuschauer vor keine großen Aufgaben der Partizipation. „Die besten Jahre“ erklärt sich oft genug selbst. Man merkt, dass das Projekt einen TV-Film-Hintergrund hat.

Die Geschichte selbst, ist dafür, dass sie keiner Roman-Vorlage entnommen ist, von einer hochwertigen Komplexität. Großartig wird der Film „Die besten Jahre“ aber nur in der Mitte, in der sich die Konflikte des Films zuspitzen und für einige schwer zu antizipierende Momente sorgt. Die ersten zwei Stunden sind recht behäbig, die letzten zwei Stunden sogar arg kitschig und gleichen vom Erzähltempo eines überlangen Fade-Outs.

Handwerk als kleiner Schwachpunkt

Auch handwerklich ist das ein Film zwischen großer Klasse und dem Leichtsinn des Kompromiss. Für die jeweiligen junghistorischen Zeiträume wurden wenig Kosten gescheut und man findet sich in detailgetreuen Wohnungen und jeweilig passender Automobil- und Einrichtungsgarnitur wieder. Für die Szenen, die in einem Auto gedreht wurden, hat man allerdings wie Filme in den 50er und 60er-Jahren (!) auf Greenscreen-Autos gesetzt, da man vermutlich die Stadtkulissen, die aus dem Fenster zu sehen sind, nicht anders rekonstruieren konnte. Diese Szenen sehen auch leider nicht besser aus als das Kino der 50er und 60er, tendenziell sogar schlechter. Man muss sich an solchen technischen Kleinigkeiten nicht unbedingt aufhalten, aber bei einem sechsstündigen Epos sind solche Dinge mitunter ein Zünglein an der Waage, wenn es darum geht, in einer Welt versinken zu können oder nicht. Andere Schwächen in der Optik des Films fallen eher in die Kategorie der Designentscheidung und haben wieder etwas mit der Ökonomie des TV-Films zu tun. Viele Szenen der großen Emotionen werden viel zu schnell mit einem Schnitt oder einer Abblende beendet, um zum nächsten Moment hetzen zu können. Viele Szenen sehen trotz an sich talentiertem Cast schauspielerisch so aus als hätte man sich nicht mehr als ein bis zwei Takes Zeit nehmen können oder wollen. Hier unterscheidet sich der Giordana-Film eben doch stark von einem Meisterwerk der Zeit-Chronologie wie Olivier Assayas‘ „Die Wilde Zeit„. Aber an solchem inszenatorischen Fein- und montagetechnischem Zeitgefühl sind schon ganz andere Regisseure mit einem Film-Epos-Versuch vor Giordana gescheitert, z.B. István Szabó mit „Sunshine“, der hier mit dem Verweis, dass Nicolas Tochter Sara später fechten (!) wird, vielleicht sogar referenziert wird.

Zwei Brüder als motivischer und psychologischer Dualismus

Warum „Die besten Jahre“ nach 2/3 der Erzählung extrem abfällt ist der Tatsache geschuldet, dass die mit Abstand interessanteste Figur des Films bis dahin aus dem Spiel genommen ist. Matteo wird einen Suizid begehen und der Rest des Films ist nur noch mit einer müden Aufräumarbeit versehen, die sich mehr und mehr einer soapigen Sentimentalitätsschiene nähert, desto mehr er sich Richtung Abspann bewegt. Das dynamische Verhältnis zwischen den zwei Brüdern ist das wahrlich Interessante an diesem Film, es ist psychologisch und motivisch spannend. Wir haben einerseits Nicola, der linke und gutherzige, gleichzeitig aber auch rationalere und bodenständigere der beiden Brüder. Er ist der körperlich schwächere Mensch, steht dafür aber mit beiden Beinen im Leben. Jeder Schicksalsschlag, jedes schwierige Verhältnis zu anderen Menschen bewältigt Nicola souverän. Er kann aus jeder Tragik etwas Schönes abgewinnen. Dazu auch eines der besten Zitate des Films:

– Weißt du, dass ich immer noch deine Karte vom Nordkap von 1966 habe? Es war Norwegisch, glaube ich. Und die Übersetzung darunter lautete: „Alles, was existiert, ist schön.“ Mit drei Ausrufezeichen. Glaubst du noch daran?
– An die Ausrufezeichen glaube ich nicht mehr.

Demgegenüber steht sein Brüder als das große Fragezeichen des Films. Er ist ein starker, erfolgreicher, gutaussehender und zudem noch äußerst intelligenter Mann. Aber im Gegensatz zu seinem Bruder Nicola kann er keine Freude aus seinen Erfolgen ziehen. Er ist getrieben von inneren Zwängen, auf der Suche nach einem Platz in der Welt. Militär und später Polizei werden ihm durch die strenge Disziplinierung zu einer Stütze. Und trotzdem bleibt er immer erkaltet. Er lernt ein Mädchen kennen, spielend gewinnt er sie für sich, aber er hadert mit dem Schicksal des scheinbaren einfachen Glückes. Vielleicht will er es nicht, vielleicht kann er es nicht, vielleicht hat er Angst davor. Er lügt und nennt sich vor dem Mädchen Nicola, nach seinem Bruder. Er schirmt dieses Leben von seinem eigenen Ich ab. „Die besten Jahre“ ist in der Konzeption der Figur Matteo so stark, weil er es sich hier endlich (!) traut, Dinge nicht auszuerklären. Als Matteo sich umbringt, liegt der Verdacht nahe, dass dies mit Einsamkeit zu tun habe. Aber das Ausmaß dieser Einsamkeit wird einem nie in einem großen Monolog-Schwall auf dem Silbertablett unter die Nase gerieben, wie es der Film später mit anderen Konflikten viel zu oft macht. Eine angenehme Menge an Nuancen des Lebens Matteos bleibt hier dem Nachdenken überlassen. Was hat es für Matteo ausgemacht, einen linken Demonstranten fast zu Tode geprügelt zu haben? Was die Ablehnung an der Uni durch seinen Literaturprofessor? Was das Verhältnis zur geistig zurückgebliebenen Giorgia? Und vor allem, das großartig elliptisch erzählte kalte Verhältnis bzw. Nicht-Verhältnis zu seiner Familie?

Giorgia Italia, eine Polit-Allegorie

Die eben erwähnte Figur Giorgia hat in „Die besten Jahre“ eine merkwürdige Präsenz, um die man nicht umhin kommt, sie symbolisch auszulegen. Generell geht es in diesem Film vordergründig um die Nation Italien. Wir haben eine zeiten- und orteumfassende Odyssee, auf die sich die beiden Brüder Matteo und Nicola begeben. Immer wieder werden von Amtspositionen Kommentare auf die Republik geäußert. Sie sei eine sterbende und verkommene Nation. Auch Themen wie Mafia, Korruptions- und Schmiergeldskandale, verheimlichte Gewaltanwendungen in Psychiatrien etc. werden thematisiert und recht elegant in den Erzählbogen eingespannt. Und nicht zuletzt wird auch das Thema linker Aktivismus betont und damit die Option einer absoluten Absage an eine (demokratische) Republik bzw. sogar auf den Gedanken des Vaterlands diskutiert (wenn auch der Film eher nicht auf der Seite der Kommunisten steht, sondern diese Position eher kritisch beäugt). Was hat das nun mit Giorgia zu tun? Giorgia ist ein erotischer und empathischer Bezugspunkt der Kernfiguren Matteo und Nicola. Sie retten sie aus der Nervenheilanstalt, verlieren sie wieder und später wird Giorgia in die Psychiatrie von Matteo Einzug erhalten, die er nach seinem erfolgreichen Medizinstudium errichtet hat. Giorgia ist so etwas wie ein Symbol auf Italien selbst. Sie selbst kann kaum direkt handeln, sondern wird durch (politisches) Handeln fremdbewegt. Ihr Wohlergehen ist abhängig davon, wie Matteo und vor allem Nicola sie behandeln und wenn es ihr schlecht geht, geht es auch den Brüdern schlecht. Die Heilung und Selbstständigmachung von Giorgia, die über die sechs Stunden hinweg vollzogen wird, ist also auch ein optimistischer Ausblick auf die Republik Italien, die sich von seinen historischen Quälungen loseisen muss. Es ist nicht zu weit hergeholt, ihre Erlebnisse in der ersten Psychiatrie mit dem italienischen Faschismus zu vergleichen und die darauffolgenden Gerichtsprozesse mit einem juristischen Aufrollen der Mussolini-Ära. Leider ist Giorgia als narrative Figur aber nicht immer besonders elegant in die restliche Geschichte eingebunden; Symbolismus und Realismus liegen mitunter in einer zu großen Schere auseinander.

Sentimentaler Overkill und Konservativismus

Warum „Die besten Jahre“ leider ein halbgescheiterter Film ist, liegt an den letzten zwei Stunden. Abgesehen davon, dass Giordana alle Trümpfe der Spannungsentwicklung bis dahin verschossen hat, ist das Ausklingen des Films auch von einer fast schon schmerzhaften Sentimentalität und propagiert nebenbei ein äußerst konservatives Familienbild. Nicola, ein nun alter Arzt und Vater einer erwachsenen Tochter trifft die ehemalige Geliebte von seinem Bruder Matteo, Mirella, verliebt sich in sie und lernt ihren Sohn Andrea kennen, der (Überraschung!) auch Matteos Sohn ist. Im letzten Drittel des Films wird eigentlich nur noch flaniert, über alte Zeiten geredet und gesehen, dass die gesamte Familie glücklich und zufrieden wird. Und an dieser Stelle wird der Film auch ideologisch ein bisschen unschön. Giordana und seine Drehbuchautoren haben ein blindes und völlig naives Urvertrauen in die Familie und ihr konservatives Prinzip. Alle und wirklich alle Figuren sind am Ende ergriffen von der Liebe zur Familie und versöhnen sich mit ihren Angehörigen. Und sowohl Nicolas Tochter Sara als auch Matteos Sohn Andrea sind am Ende noch mit ihrer ersten großen Liebe zusammen und machen genau dieselben Erfahrungen durch, wie ihre Eltern. Laaangweilig. Und konservativ. Und wenn man es ganz pedantisch nimmt auch ziemlich heteronormativ. Selbst die aufkeimende Liebe zwischen Nicola und Mirella wird mit kitschig durch einen „Geist“ von Matteo gezeigt, der die beiden zusammenführt und dann loslässt, so als wollte uns der Regisseur sagen, dass diese ausnahmsweise nicht erste-große-Liebe nur dann okay ist, wenn auch wirklich mit allen familiären Geistern der Vergangenheit aufgeräumt ist. Gerade als politische Allegorie auf die Republik Italien kann ich mit dieser Annahme nicht ganz mitgehen. Erstens kann ein Umgang mit der Vergangenheit auch kritisch und destruktiv sein und zweitens kann es auch ein Vorwärts geben, das sich moralisch für Vergangenes nicht rechtfertigen muss, solang die politische Agenda per se in ihrem gegenwärtigen Zustand moralisch vertretbar ist.

6/10

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