Das Mädchen Wadjda

Frausein im Islam: Eine arabische Fahrraddiebin.

Originaltitel: وجدة
Alternativtitel: Wadjda
Produktionsland: Saudi-Arabien, Deutschland
Veröffentlichungsjahr: 2012
Regie: Haifaa Al Mansour
Drehbuch: Haifaa Al Mansour
Produktion: Gerhard Meixner, Roman Paul
Kamera: Lutz Reitemeier
Montage: Andreas Wodraschke
Musik: Max Richter
Darsteller: Reem Abdullah, Waad Mohammed, Abdullrahman Al Gohani, Ahd Kamel, Sultan Al Assaf
Altersfreigabe: FSK 0
Laufzeit: 98 Minuten

(…) Wadjda (Waad Mohammed) lebt in Saudi-Arabien. Jeden Tag kreuzt ihr Schulweg einen kleinen Spielzeugladen in dem sie vermutet gefunden zu haben, was ihr für ihr Lebensglück zu fehlen scheint: Ein grünes Fahrrad. In einem Land, in dem Frauen das Fahren eines Fahrrades verboten ist, wird dieses grüne Beförderungsutensil zu Wadjdas größtem Traum. Mit dem Verkauf von selbsterstellten Mixtapes, versucht Wadjda am Schulhof ein wenig Geld zu verdienen – ein Regelverstoß, der selbstverständlich bald auffliegt. Am Horizont ein Hoffnungsschimmer: Der Koran-Rezitationswettbewerb. Gewinnt Wadjda diesen, ist das Preisgeld, und somit auch das grüne Fahrrad, ihres. Doch reichen ihr Eifer und Erfindergeist aus, um den ersten Platz zu belegen?
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Wenn man eine Recherche anstellt, wie verhältnismäßig geringfügige Fördergelder Deutschland seiner Filmkunst zur Verfügung stellen kann, macht einen das mitunter recht traurig. Zudem wird ein nicht unerheblicher Teil dieser Fördergelder noch als filmische Aufbauarbeit in ausländische Filmproduktionen gesteckt. Berlinale-Gewinner wie „Bal“, „Esmas Geheimnis“ profitierten genauso von deutschen Ko-Produzenten wie eines der vielleicht beeindruckendsten Beispiele jüngster filmischer Zusammenarbeit: Der Film „Das Mädchen Wadjda“ (sprich: Wadschda) ist der allererste saudi-arabische Film der Geschichte. Eine Selbstreflexion eines Landes, das im 21. Jahrhundert bisher verbot Filme zu drehen oder sogar sie zu zeigen, das so streng religiös ist, dass 5mal am Tag die Fernsehsender das Programm von einer Gebetspause unterbrechen lassen. Von Saudi-Arabien wissen wir herzlich wenig, außer dass es ein Handelspartner der BRD ist und Deutschland es mit modernen Panzern beliefert. Daher ist jeder dreimal umgedrehte Euro bei ausländischen Regisseurtalenten bestens aufgehoben, sind doch Filme ein wichtiges dokumentarisches Zeugnis über das, was die Politiker eines Landes vielleicht nicht zeigen wollen. Ein Zeugnis zwar, das nicht immer alles zeigen kann, aber zumindest andeuten kann, was nicht gezeigt werden konnte. „Wadjda“ schlägt sich darin bestens und gehört zu den wichtigsten Filmen des aktuellen Weltkinos.

Die unmögliche Situation der Frau in Saudi-Arabien

Der erste saudische Film der Geschichte wurde von einer Frau gedreht und behandelt das Thema eines jungen Mädchen, das davon träumt ein Fahrrad zu besitzen. Das ist eine Sensation. Denn in diesem erzkonservativen Land kann man die Dinge, die eine Frau tun darf an einer Hand abzählen. Es ist das emanzipatorisch wahrscheinlich rückständigste Land auf der Welt und dass dieser Film seine Geschichte aus femininer Sicht erzählt, macht das permanente Gefängnis „Gesellschaft“ der Frauen auf eine denkbar simple, aber auch effektive Weise nachvollziehbar. Frauen dürfen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren, nicht Fahrrad fahren, nicht mit Männern reden, Männer nicht sehen, nicht von Männern gesehen werden, müssen voll verschleiert herumlaufen, dürfen den Koran während ihrer Periode nicht ohne Taschentuch anfassen und wenn die Eltern das Gefühl haben, das Mädchen begänne auf Männer zu wirken, werden sie desöfteren verheiratet. Was nicht selten im Alter von 10-12 Jahren geschieht. Ein Alter, in dem auch Wadjda ist. Die Rechtslage der Frau ist in Saudi-Arabien so wahnwitzig, dass man nicht selten zynisch auflachen muss, sich für diese Frechheit im Kino umsieht, ob es jemand mitbekommen hat und sich dann wieder daran erinnert, dass nur drei andere Leute im Kinosaal sitzen. „Wadjda“ ist eben ein Nischenfilm. Aber warum eigentlich?

Al-Mansours Vorbilderzitate

In den ersten Minuten des Films bekommt man das ungute Gefühl, dass „Wadjda“ hier zwar die richtigen Bilder einer uns äußerst fernen Gesellschaft findet, doch aber in die Kiste zu einfacher dramaturgischer Kniffe greift. Es werden Filme wie „Persepolis“, „Fahrraddiebe“ (Fahrrad als Macht-Symbol) oder Paula Markovitchs ebenso großartiger „El Premio“ zitiert. Dass Wadjda die Rebellin im Kleinen ist, stellt der Film schnell offensichtlich heraus, wenn das Mädchen statt Lackschuhen Chucks und statt arabischen Gebeten lieber amerikanischer Popmusik lauscht. „Punk is not ded“ denkt man sich da etwas verschmitzt, dass Frau Al-Mansour hier offensichtlich ähnlich-gesellschaftskritische Filmen kopiert. Aber daraus kann sich „Wadjda“ schnell befreien. Mit fortschreitender Spiellänge findet der Film ganz eigene Wege, seinen tiefen Schmerz zu verarbeiten. Auffällig sein gnadenloser Optimismus. Nie verkommt „Wadjda“ zur wehleidigen Elegie, eher will er das sein, was wohl auch die Dreharbeiten waren, ein kleines (aber mögliches!) Märchen. Hinter jeder Figur verbirgt sich ein lachendes Gesicht, das zu selten lacht.

Boy-meets-Girl als Tabubruch

Was machst du beim glorreichen Stammbaum deines Vaters? Du bist nicht drauf, nur die Männer.

Im Gegensatz zu „Kairo 678“ ist „Wadjda“ weniger dringlich in seinem Feminismus, das kann er auch gar nicht sein, denn er geht nur so weit, wie der erste arabische Film eben gehen kann. In den harmlosen Bildern und Figuren steckt aber ein Meer an Empörungen über die frauenverachtende Gesellschaft ohne dabei Religion, Regierung oder das männliche Geschlecht pauschal zu verurteilen. Die kindliche Freundschaft zwischen Wadjda und dem Nachbarsjungen Abdullah funktioniert nach westlichem Verständnis als sympathisierendes Element einer Kindergeschichte, in Saudi-Arabien ist das öffentliche und unverschleierte Treffen zweier andersgeschlechtlicher Menschen ein absoluter Tabubruch. Auf diese Weise kommuniziert Al-Mansour zwischen westlichem und arabischen Publikum. Dabei ist Abdullah einer der wenigen männlichen Figuren, die man überhaupt zu sehen bekommt. Selbst Wadjdas Vater scheint kaum zuhause zu sein und sich um seine Familie zu kümmern. Das Gefühl allein unter Frauen zu sein, die Spannung, wenn man doch einem Mann begegnet und mit welchen Konsequenzen man zu rechnen hat, wenn man Männern auf die „falsche“ Weise begegnet … all das kann uns die saudische Exil-Regisseurin greifbar machen.

„Wadjda“ als Kommunikation zwischen Ost und West

Auch wenn „Wadjda“ die dramatische Dichte großer Autorenfilme vermissen lässt, konnte man selten einen Beitrag des Weltkinos sehen, der so geschickt trotz eingeschränkter künstlerischer Freiheit glasklar dokumentiert und zum wertenden Abschuss anderer freigibt. Denn als dieses Kommunikationsmittel zwischen denen, die wissen wie es den Frauen geht und denen, die wissen wie es den Frauen gehen sollte, ist dieser Film — machen wir uns nichts vor — gemacht. Das auch nur ein erzkonservativer Araber durch diesen Film von seiner Sharia-Welt abweichen wird, glaubt wohl niemand. Immerhin soll es angeblich mittlerweile Frauen gestattet sein, Fahrrad zu fahren. Aber das hat wohl eher etwas mit außenpolitischem Schamgefühl Saudi-Arabiens, das durch diesen Film ausgelöst wurde als mit emanzipatorischem Eingeständnis zu tun. Wie „Wadjda“ hier Kamera und Drehbuch als Instrumentarium verwendet, um gesellschaftliche wie frauenrechtliche Missstände aufzudecken, für die es nur blankes Kopfschütteln geben kann, ist nicht selten meisterlich. Eine arabische Fahrraddiebin. Und einer der besten Filme des Kinojahres 2013.

8/10

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