Caracas, eine Liebe
Desde_allá

Goldener Löwe 2015: Eine Kompilation lateinamerikanischer Sozialdramen.

Originaltitel: Desde allá
Alternativtitel: From afar
Produktionsland: Venezuela, Mexiko
Veröffentlichungsjahr: 2015
Regie: Lorenzo Vigas
Drehbuch: Lorenzo Vigas, Guillermo Arriaga
Produktion: Lorenzo Vigas, Guillermo Arriaga, Michel Franco, Rodolfo Cova, Gabriel Ripstein, Édgar Ramírez
Kamera: Sergio Armstrong
Montage: Isabela Monteiro de Castro
Darsteller: Alfredo Castro, Luis Silva, Jericó Montilla, Catherina Cardozo, Jorge Luis Bosque, Greymer Acosta, Auffer Camacho, Ivan Peña u.A.
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 93 Minuten

Armando (Alfredo Castro) arbeitet in Caracas in einem Labor, das Zahnprothesen herstellt. Trotz seines Wohlstandes fühlt er sich mit seinen 50 Jahren oft einsam. Nach dem Feierabend hält er sich in der Nähe von Busstationen auf, denn er sucht die Nähe junger Männer und hofft darauf, dass ihn jemand nach Hause begleitet – gegen Bezahlung, versteht sich. Doch dann trifft er auf Elder. Der 17-Jährige ist der Anführer einer Straßengang und der Umgang mit ihm verändert Armando so sehr, dass er sich sogar seiner Vergangenheit zu stellen wagt.
Quelle: moviepilot.de

Kritik:

Es ist immer so eine Sache mit den Hauptpreis-Vergaben an Debüt- bzw. Frühwerke eines Filmschaffenden. Einerseits entspricht es natürlich dem Wettbewerbsgedanken, den besten Film des Jahres auszuzeichnen, ganz gleich wie viele Filme der Teilnehmer schon vorzuweisen hat. Andererseits birgt es ein Risiko im Nachhinein einen renommierten Preis in den falschen Händen zu sehen. Manche Regisseure entpuppen sich als große Entdeckungen (Andrej Swjaginzew), anderen geht scheinbar die Lust an der Film-Kunst verloren und die Aufmerksamkeit wird opportunistisch genutzt, um sich im komerziellen Kino zu etablieren (Quentin Tarantino, Steven Soderbergh, José Padilha) oder aber die Regisseure entpuppen sich im schlimmsten Fall sogar als gänzlich unwürdige Preisträger (Auf Bewährung: Jasmila Žbanić). In Venedig macht man das riskante Auszeichnen neuer Stimmen im Weltkino gar nicht so selten und hat es auch 2015 wieder mit einem venezolanischen Film namens “Desde Allá” getan. Der Löwe für Lorenzo Vigas ist aber eine klassische Fehlentscheidung. Weder ist hier ein originärer Stil vorhanden, noch erreicht der Film eine löwenwürdige Qualität.

Motivische Unentschlossenheit

“Desde Allá” erzählt uns von Armando, einem homosexuellen Mitglied der Bürgerschicht, der durch die Straßen von Caracas zieht und junge Burschen aus dem venezolanischen Präkariat mit unverschämt guter Bezahlung zur Prostitution bewegt. Eines Tages trifft er einen jungen Mann, Elder, der sich gegen ihn wehrt und niederschlägt. Offensichtlich fühlt sich Armando davon herausgefordert und womöglich auch erotisch angezogen und verfolgt ihn weiterhin, bis die beiden schließlich tatsächlich so etwas wie ein Paar werden, dass sich als Partner-/Freundschaft ausgibt. Darüberhinaus thematisiert “Desde Allá” die Elternhäuser der beiden Männer bzw. ihr Verhältnis zu ihren Vätern. Diese Perspektive hat wie fast immer im südamerikanischen Kino die Funktion, Unterschiede der sozialen Schichten zu erzählen. Die größte Schwäche dieses Films ist, dass er zu keinem Zeitpunkt so richtig weiß, ob er von Homosexualität in Venezuela oder von einem Ständekonflikt erzählen will. Er erzählt eben nicht beides miteinander verknüpft, sondern auf äußerst umständliche Weise konstruiert er einen Zusammenhang zwischen den beiden Themen, der nie so richtig funktional wird, da die beiden Themen erst im Finale so wirklich gegeneinander ausgespielt werden. Besagtes Finale ist für diese Schwäche der Inkonsequenz symptomatisch, da es zwar letztlich ziemlich deutlich den sozialen Unterschied als Thema betont, sich aber nicht erschließt, warum der Film dann davor zu 80% von homosexueller Liebe erzählt hat. Eine Liebe, die mit Machtverhältnissen und intransparenter Psychologie, einiges an spannendem Potenzial zu bieten hätte, aber sich auch durch die ein oder andere klischeehafte Narrativ-Station mäandert.

Alibi-Alleinstellungsmerkmal

Vigas hat eine beachtliche Liste an Produzenten mit Rang und Namen, die seinen Film unterstützt haben. Unter Anderem Guillermo Arriaga, Drehbuchautor von “Babel” und “Amores Perros”, Un-Certain-Regard-Gewinner Michel Franco (“Después de Lucía“) und der international gefragte Schauspiel-Star Édgar Ramírez (“Carlos — Der Schakal”). Dass Herr Vigas mit so einem prominent unterstützten Film in den Wettbewerb kommt, ist nicht überraschend. Jeder weiß, dass das Film-Business so funktioniert und das ist auch auf internationalen Filmfestivals nicht anders. Auch die Filmsprache der großen Festivals beherrscht sein Film, wenn auch eher auf eine nachahmende, wenig visionäre Art und Weise. Und ganz behutsam tröpfelt Vigas noch seine letzt Zutat in den Film, die ihm zum absoluten Festival-Pleaser macht. Er verknüpft seine brav Vorbilder zitierende Arthouse-Bebilderung mit einem slighten Alleinstellungsmerkmal: Einer hier und da auftauchenden Extrem-Unschärfe der Umgebung. Eine wirkliche dramatische Funktion hat er hierfür aber nicht. “Desde Allá” bleibt über weite Strecken eine Kompilation typischer Vertreter lateinamerikanischer Sozialdramen, ohne klar erkennbare eigene, geschweige denn neue Agenda.

5/10

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