Antichrist

Wissenschaft vs. Mystizismus. Von Trier erschafft einen eigenen Okkultismus.

Originaltitel: Antichrist
Produktionsland: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Italien, Polen
Veröffentlichungsjahr: 2009
Regie: Lars Von Trier
Drehbuch: Lars Von Trier
Produktion: Meta Louise Foldager
Kamera: Anthony Dod Mantle
Montage: Åsa Mossberg, Anders Refn
Darsteller: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg
Altersfreigabe: FSK 18
Laufzeit: 104 Minuten

Während ein Ehepaar aus Seattle leidenschaftlich dem gemeinsamen Sex nachgeht, klettert ihr unbeaufsichtigtes junges Kind zum geöffneten Fenster und stürzt aus der Hochhauswohnung zu Tode. In der Folge reißt der Unfalltod des Sohnes die Mutter (Charlotte Gainsbourg) in tiefe Trauer und Selbstvorwürfe. Ihr scheinbar vom Tod des Sohnes unberührter Mann ( Willem Dafoe), ein Psychologe, beginnt daraufhin seine Frau selbst zu therapieren. Als tiefste Angst benennt sie ihm, ‘im Wald zu sein’. Daraufhin fahren beide in eine Waldhütte mit dem Namen ‘Eden’, in dem das Paar mit dem Kind den letzten Sommer verbracht hat.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Es bedurfte zweier Sichtungen, um auch nur annähernd einen wertenden Niederschrieb bezüglich „Antichrist“ wagen zu können. Wahrlich ist das eine monströse filmische Erfahrung, die einen mit so viel atemberaubender Brutalität und depressiver Bildstimmung auf der einen, auf der anderen Seite aber auch mit so viel spannenden Subtextverstecken bombardiert, dass man bei der ersten Sichtung nur erschöpft kapitulieren kann. Aber auch mit Augen, die sich schon an die gnadenlose Düsterheit des Films gewöhnt haben, ist „Antichrist“ nicht minder genial.

Zeitlose Betrachtung der Menschheit

Von Trier zeichnet hier tausende Jahre menschlicher Missverständnisse als grotesken Geschlechterkampf. Sein Film spielt zu den größten Teilen in einem finsteren Wald, der etwas reißerisch „Eden“ genannt wird und wird so mit Mystizismus und Okkultismus aufgepumpt bis er für sich stehend und universell ist, keinem aktuellen politischen Sachverhalt, nicht einmal aktuellen Geschlechterrollendebatten irgendeiner Art Rechenschaft schuldig ist. Von-Trier-Filme nehmen sich gerne das Recht heraus, zu zeitlosen Betrachtungen der Menschheit und ihrer Geschichte zu werden.

Frauenfeindlich? Männerfeindlich?

Die derbsten Kontroversen hat der Film wohl bezüglich vermeintlicher Frauen-/ bzw. Männerfeindlichkeiten ausgelöst. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo im Wald vergraben. Fakt ist: Die Aufgabe der diabolischsten Zerstümmelungen fallen der Frau zu, sie ist es die krank bzw. besessen ist. Aber natürlich ist das Von Triers Kommentar zu den Gynoziden des Mittelalters; wie er hier eine Frau sich auf die hexenartige Weise am Mann rächen lässt, wie es sonst immer der Vorwand der Männer war, sie grundlos zu ermorden. Das hat etwas Zynisches. Darüberhinaus lässt der Däne mit seinem Ehepaar die Wissenschaft gegen den Mystizismus, die Ratio gegen die Irratio ankämpfen. Und die wissenschaftliche Welt des Mannes, die sich anmaßt alles verstehen zu können, wird von der Unerklärlichkeit der weiblichen Tobsucht letzten Endes entmenschlicht und entwürdigt.

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Prädestinierter Metal-Kultfilm

Auch bildkompositorisch schwört Von Trier hier dem Realismus ab. Das Zusammenspiel von Handkamera und kinematografischen Gemälden ist ein meisterhaft umgesetztes, in „Melancholia“ zu Recht wiederholtes Wagnis. Dabei ist der Film organischer als man es vermuten würde. Sowohl alle Ekel-Genitalszenen als auch Sex- und Tierszenen wurden mit inszenatorischen Tricks verwirklicht. Nur wenige Szenen mussten mit Computer-Effekten nachgerüstet werden.
„Antichrist“ ist ein unbedingt sehenswerter, kompromissloser, ja sogar seine eigenen Okkultimus erschaffender und damit sicherlich schon als Kultfilm in der Metalszene prädestinierter Film, den man zu den eindrucksvollsten Werken Von Triers zählen kann.

8/10

3 thoughts on “Antichrist

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