Zero Dark Thirty

Die ungeschönte Fratze des Folterns: Kathryn Bigelow auf den Spuren Pontecorvos.

Originaltitel: Zero Dark Thirty
Produktionsland: USA
Veröffentlichungsjahr: 2012
Regie: Kathryn Bigelow
Drehbuch: Mark Boal
Produktion: Kathryn Bigelow, Mark Boal, Matthew Budman, Megan Ellison, Jonathan Leven
Kamera: Greig Fraser
Montage: William Goldenberg, Dylan Tichenor
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Mark Strong, Edgar Ramirez, Kyle Chandler, Jennifer Ehle, Harold Perrineau Jr., Scott Adkins u.A.
Altersfreigabe: FSK 16
Laufzeit: 157 Minuten

Frisch von der High-School wurde Maya (Jessica Chastain) von der CIA für nur einer Aufgabe engagiert: Sie soll den Anführer von al-Qaida Osama Bin Laden aufspüren. Nach zähen Ermittlungen und zahlreichen Verhören glaubt sie in Abu Ahmed einen der wichtigsten Kuriere gefunden zu haben. Doch während sie fest an ihre Spur glaubt, sorgt sich Washington mittlerweile viel mehr um den nächsten Terrorakt von Osamas Nachfolgern. Ihr zur Seite steht schließlich das Navy-Seal Team 6 um Team Leader Patrick (Joel Edgerton), eine der besten Spezialeinheiten der Welt. Normalerweise arbeiten sie im Verborgenen, an Orten von denen die Welt den Blick abgewendet hat. Diesmal liegt jedoch die Hoffnung einer gesamten Nation auf ihnen. Ihre Jagd führt sie von Afghanistan und den Black Sites der CIA ins Grenzgebiet Pakistans.
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Wieder ist Frau Bigelow mit einem heiklen politischen Thema für den Oscar nominiert und diesesmal ist der Fokus weniger auf der Sensation der ersten Frau auf dem Regiestuhl mit Academy Award in der Hand, sondern einzig und allein auf die politische Brisanz ihres Films gelenkt: „Zero Dark Thirty“ wagt einen ungeschont, bemüht neutralen Blick auf die CIA-Jagd auf Osama Bin Laden — über die Jahre hinweg schon zu einem Schreckgespenst verkommen, das zu einer Popkulturantiikone verkam und dadurch einen unrealen, fast mystischen Touch bekam. Lebt er überhaupt noch? Wird man ihn jemals schnappen? War die Person auf den Videobändern immer die selbe Person? Bigelows Film kommt natürlich extrem früh, so früh, dass der Film eigentlich eine andere Geschichte erzählen sollte, die der gescheiterten Jagd auf Bin Laden und deren Sinnlosigkeit.

Eine Frau gegen alle

Erzählt wird „Zero Dark Thirty“ aus Perspektive einer smarten, jungen CIA-Agentin und genau hier bietet der Film Angriffsfläche. War das wirklich nötig? Die selbstbewusste Powerfrau ganz allein gegen die Männerwelt und den gefährlichsten Mann der Welt könnte man auch als eine Art Selbstprojektion Bigelows interpretieren. Der reißerische Untertitel „For Ten Years One Woman Never Stopped Searching For The Most Wanted Man In History“ tut da natürlich sein Übriges, ist für gewinnbringende Vermarktung wohl aber nicht zu vermeiden. Dass eine einzige Person einen solchen Mammutsanteil, ja den ausschlaggebenden Anstoß zur Bin Laden-Tötung geleistet haben soll, ist eine dramaturgische Vereinfachung, wenn auch Jessica Chastain in ihrer Rolle wirklich grundsolide spielt und Teil der angestrebten Ambivalenz des Films bleibt: Anfangs noch schockiert von den Folterszenen, die sich vor ihr abspielen, wendet sie später die selben an.

Obama-Werbung sieht anders aus

Die ungeschönte Fratze des Folterns ist auch ein Kern- und Streitpunkt des Films. So brutal wie das Vorgehen der Terroristen gegenüber dem Westen gezeigt wird (Und Bigelow zeigt jedes wichtige Attentat mit eigen nachgedrehtem Material), so brutal sind eben auch die Folterszenarien der US-Dienste. Bigelow lässt den Sunnyboy Dan (Jason Clarke) einen Häftling mit Waterboarding und entmenschlichendem Hundehalten foltern, später darf er mit publikumsaffinen Onelinern dem Zuschauer wieder ins Gesicht lächeln. Es gibt keine moralische Wertung — und das ist die zentrale Stärke von „Zero Dark Thirty“. Die Jagd auf Osama Bin Laden wird weder als notwendig glorifiziert, denn als sinnloses Übel negativiert. Die moralische Bewertung obliegt dem Zuschauer, dadurch erinnert „Zero Dark Thirty“ in seinen besten Momenten gar an Portecorvos Terrorismus/Antiterrorismus-Meisterwerk „Schlacht Um Algier“. Selbst als Obama-Werbung kann man den Film nicht entlarven: Die Tötung Bin Ladens ging zwar auf Obamas Konto, der Film suggeriert aber, dass sich Protagonistin Maya zunächst mit Ellenbogen gegen schulternzuckende Organe der Regierung hat durchboxen müssen. Zudem bleibt ein (in der deutschen Fassung unfassbar schwach synchronisierter) Fernsehauftritt Obamas in Erinnerung, der auf einem Fernseher im Hintergrund läuft und Foltermethodien leugnet, währenddessen der Film eine deutlich andere Sprache spricht:

In the end everybody breaks, it’s biology, bro.

Psychologie der Jägerin

Handwerklich ist „Zero Dark Thirty“ eine runde Sache, die sich sicherlich mit dem ein oder anderen abfallenden Technikoscar wird trösten können, wenn es für den ganz großen Wurf nicht reicht. Auch wenn der Film deutlich stärker und eindringlicher ist als ihr Vorgängerfilm „The Hurt Locker“. Nicht selten ist Bigelows Film sogar spannend, was einem real-historischen Politthriller ja nicht selten eher abgeht. Eine tiefere psychologische Betrachtung seiner Figuren wäre aber wünschenswert gewesen, so lässt sich das Nichtloslassenkönnen Mayas ab Mitte des Films nur durch ein simples Rachemotiv erklären. Großartig jedoch eine Szene in der Maya erklärt sie würde das Haus Bin Ladens lieber per Bombenwurf einstampfen, als sie dem Soldateneinsatz zu überlassen. Für die Primitivität der US-Soldaten hat Maya nur einen köstlich-verächtlichenden Gesichtsausdruck parat, ein grandioser Seitenhieb.

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Entzug des Wahrheitsanspruchs

Bigelow hat sich eine Menge vorgenommen und mich extrem positiv überrascht. Einzig die Figurenkonstellation ist ein Strick, aus dessen Schlinge sich der Film jedoch zu befreien weiß. Laut Gerüchten soll die US-Regierung Bigelows Film mitfinanziert haben, dann hat man hier das Geld gut angelegt, um nicht den propagandistischen Weg einzuschlagen, sondern aufklärerisch-liberal den Dialog dem Volk zu überlassen. Besonders genial auch, dass man die Leiche Bin Ladens nur in Ausschnitten von der Seite sieht — nur Maya selbst, sieht das Gesicht Bin Ladens und ist sich sicher, er ist es. Dadurch entzieht sich Kathryn Bigelow noch besonders genial einem Wahrheitsanspruch, dass sie den Tot Bin Ladens gezeigt habe. Wenn sich in 20 Jahren die Tötung Bin Ladens als falsch erweisen würde, hat Bigelow nur einen Film gezeigt, in dem eine streng publikumsdistanzierte Protagonistin der Meinung war, es sei Bin Laden. „Zero Dark Thirty“ ist eine Steigerung gegenüber Bigelows letztem Film, der eine Würdigung der Oscar-Jury verdient hätte.

7/10

2 thoughts on “Zero Dark Thirty

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