La Promesse

Kapitalismus in Miniaturform.

Originaltitel: La Promesse
Alternativtitel: La Promesse — Das Versprechen
Produktionsland: Belgien
Veröffentlichungsjahr: 1996
Regie: Jean-Pierre & Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre & Luc Dardenne
Produktion: Hassen Daldoul, Luc Dardenne, Claude Waringo
Kamera: Alain Marcoen
Montage: Marie-Hélène Dozo
Musik: Jean-Marie Billy, Denis M’Punga
Darsteller: Jeremie Renier, Oliver Gourmet, Assita Ouedraogo
Altersfreigabe: /
Laufzeit: 92 Minuten

Der 15-jährige Igor und sein Vater Roger führen ein bescheidenes Leben in einem Vorort von Antwerpen. Sie vermieten Wohnungen an illegale Einwanderer, und Igos lässte diese auch schon mal auf seiner Baustelle arbeiten. Bei einer Kontrolle passiert jedoch ein Unfall mit tödlichen Folgen…
Quelle: Moviepilot.de

Kritik:

Mit „La Promesse“ konnten die Dardenne-Brüder das erste mal international für Furore sorgen. Währenddessen sie schon zuvor mit Dokumentationen das Leben in den Abgründen unserer Leistungsgesellschaft beleuchteten, versuchteten sie es 1996 in Spielfilmform und liefen damit prompt erfolgreich auf internationalen Filmfestivals. „La Promesse“ ist Menschenrechtskino par Excellence und vorprägend für den dardenneschen Cinematography-Stil.

Dem Vater ergeben

Igor und sein Vater schleusen illegale Einwanderer nach Belgien, zu völlig überteuerten Mieten und nutzen sie als billige Arbeitskräfte aus. Was der Film zeigt, ist der Kapitalismus in Miniaturform. Profitwirtschaft gegen moralische und gesetzliche Reglements, Ausnutzung von Menschen, die auf das wenige das sie bekommen angewiesen sind. Parallelen zu der inhumanen Ausbeuterbetrieben in Ostasien etwa finden sich im Film reichlich. Igor, unser 15-jähriger Protagonist, macht mit. Begeistert und mit bemerkenswerter Abgeklärtheit. Kein Wunder hat er es von seinem Vater wohl von der Pike auf gelernt.
Wenn es drauf ankommt, entscheidet sich Igor für seinen Vater und den gemeinsamen Vater-Sohn-Betrieb. In einer Szene droht der Mechatroniker-Meister, bei dem Igor eine Lehre macht, er würde ihn rauswerfen, wenn er jetzt ginge. Schnitt. Igor fährt davon — Auf dem Weg zu seinem Vater. Auch für die Freunde, mit denen täglich am selbstgebauten Go-Kart gewerkelt werden, ist keine Zeit, wenn der Vater ruft. Das Verhältnis zum Vater ist ein freundschaftlich-partnerliches, ein kooperatives, welches aber letztlich doch vom Vater dirigiert wird. Als einer der illegal anwesenden Arbeitern stirbt und der Vater, den Vorfall verschweigen gewilligt ist, kommen Igor mehr und mehr Zweifel an der moralischen Richtigkeit des väterlichen Handelns.

Dem Vater entgegen

Durch den Wendepunkt entsteht in der Rolle des Vaters ein Antagonist, der eigentlich keiner ist. Auch er ist nur ein liebender Vater, der das Beste für seine Familie will. Auch er ist in gewisser Opfer der freimarktwirtschaftlichen Leistungsgesellschaft, die ihn in diesen moralisch grautönigen Job geführt hat. Die Dardennes erklären den Vater zum Antagonisten und bieten somit ein klares Plädoyer für mehr Menschlichkeit in unserer Welt. Igor wächst mit dem Gefühl für etwas Richtiges zu kämpfen, wird erwachsen und seinem Vater ein ebenbürtiger Gegenüber — Das Coming of Age-Motiv ist ein ganz zentrales Element des Dardenne-Werkes.

Erweichende Zivilcourage

Der Filmtitel bezieht sich auf die Schlüsselszene des Films, in der Igor dem nach einem Arbeit-Unfall auf dem Erdboden krepierende Arbeiter des väterlichen Betriebs das Versprechen gibt, er würde für die Familie des aus Burkina Faso stammenden Arbeiters sorgen und aufpassen, dass es ihnen gut geht. Igors Vater plant zu diesem Zeitpunkt schon, die Frau des Arbeiters als Prostituierte zu verkaufen. Ab diesem Zeitpunkt fokussiert sich der Film auf das Verhältnis der afrikanischen Frau zu Igor. Igors Zivilcourage erweicht mehr und mehr die Barriere des Misstrauens zwischen beiden, sodass es einmal mehr im Werk der Dardennes profane Situationen wie eine aus Hilflosigkeit resultierende Umarmung sind, die die magischen unvergesslichen Momente dieses Films darstellen.
Leider sind die Konstellationen der Figuren untereinander sehr unterschiedlich gelungen. Die Masse der Bewohner der vom Vater vermieteten Wohnungen werden in ihrer Existenz und ihrem Verhältnis untereinander genauso dünn angedeutet wie die Mutter oder die Freunde Igors, welche für eine tiefergehende Charakterisierung Igors interessant wären.

Antikapitalistische Rebellion

Es sind Geschichten des Erwachsenwerdens in einer unmenschlichen, profitorientierten Welt, die die Dardenne-Brüder immer wieder erzählen — immer wieder neu pointiert, mit zahlreichen Querverweisen auf andere ihrer Filme. Hier stellt die soziale Kälte des Kapitalismus die Rebellion gegen den eigenen Vater, die Herausforderung des Erwachsenwerdens dar. Ein schöner, kleiner Film, der zu Mut die Moral unserer vorgesetzten Welt zu hinterfragen anregt.

79%

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